• Sabine Puvogel

Was es heißt ein Tier zu retten...

Wir hören immer wieder, oft auch von unseren Kunden von der Tier-Tafel, dass sie eine Katze, Kaninchen oder Hund "gerettet" haben.

Das kann dann eine streunende Katze gewesen sein, der man ein kuscheliges Plätzchen und Futter anbietet oder ein Hund aus einer Tötungsstation, dem man ein neues Zuhause gibt.

Die Geschichten, die wir dann zu hören bekommen sind haarsträubend: Wie schlecht es den Tieren ginge und dass man ja nicht tatenlos hätte zusehen können, und und und...


Aber ist es für die Tiere wirklich so ein Glücksfall? Oder wird das Leid der Tiere durch Halbwissen noch verschlimmert und die Arbeit aktiver Tierschützer diskreditiert?


In diesem Beitrag möchte ich erläutern, warum Tierschutz komplexer ist als Futter und "ein Dach über dem Kopf". Und warum so manch eine "gute Tat" bei Tierschützern nicht so gut ankommt.


1. Nicht jedes Tier muss "gerettet" werden.


Ein kleiner Vogel, der aus dem Nest "fällt", ein Igel, der am Nachmittag unterwegs ist oder eine Katze, die sich mehrere Stunden in einem Garten aufhält sind nicht zwingend hilfsbedürftig!


Sachkundige Tierschützer wissen, dass Ästlinge am Boden von den Eltern weiter versorgt und auch beschützt werden.

Wird eine Igeldame mit Gesäuge eingesammelt, weil sie bereits am Nachmittag aktiv ist, kann es das Todesurteil für ihre Babys sein!

Und viele Katzen dürfen als Freigänger ihre natürlichen Bedürfnisse ausleben und sind zum kuscheln und schlafen wieder zuhause.

Dazu kommt, wer einen Freigänger anfüttert oder in sein Haus lockt, macht sich ggf. einer Unterschlagung strafbar! Außerdem können durch offene Futterstellen auch Wildtiere und Ratten angelockt werden!


Also holt euch fachkundigen Rat, BEVOR ihr einem Tier "helfen" wollt!


2. Gut gemeint und schlecht gemacht...


Angenommen, die Katze hält sich über mehrere Tage auf dem Grundstück auf, dann reicht es nicht, ihr Futter und einen Unterschlupf zur Verfügung zu stellen!


Es könnte eine Katze sein, die nicht mehr nach Hause findet, wo sie gut umsorgt und schmerzlich vermisst wird. Hier ist das Auslesen eines Transponders und das Sichten von Tiersuchanzeigen notwendig und leider auch sehr zeitintensiv.

Außerdem muss jedes Fundtier bei der Polizei oder/und dem zuständigen Tierheim/Gemeinde gemeldet werden.


Ist es dann tatsächlich eine verwilderte Hauskatze, dann ist eine Kastration und medizinische Versorgung zwingend erforderlich! Denn die wenigsten Krankheiten sieht man einem Tieren an und im schlimmsten Fall ist es der Anfang von einem langen und qualvollen Leidensweg.

Außerdem steigt durch das Futterangebot die Geburtenrate und verschlimmert so das Leid der Straßenkatzen und die ohnehin schon angespannte Situation in den Tierheimen und Pflegestellen.


3. Tierschutz ist teuer, Tiere nicht.


Das Internet ist voll mit Tieren, die aus unterschiedlichsten Gründen "ganz dringend" ein neues Zuhause suchen. Ob die Umstände immer der Realität entsprechen oder man nur "auf die Tränendrüse" drücken will, damit schnell jemand gefunden wird, lässt sich kaum feststellen. Aber das Ergebnis ist das gleiche: Für 100 € bis 200 € "Schutzgebühr" darf das Tier den Besitzer wechseln, wenn denn überhaupt ein Gebühr verlangt wird.


Dabei lassen die neuen Besitzer die Sicherheit und Gesundheit ihrer übrigen Haustiere oft außer Acht. Denn mit jedem neuen Tier können Parasiten und Krankheiten in den Haushalt eingeschleppt und die anderen Tiere angesteckt werden.

Ein weiterer Punkt ist, dass jedes neue Tier zunächst Unruhe mitbringt und Rangordnungen neu geklärt werden müssen. Das kann auch für den Halter sehr belastend sein und wenn man keine Lösung findet, dann muss eben einer wieder gehen...


Tierschutzvereine müssen da sehr viel umsichtiger handeln. Ein neues Tier wird zunächst separiert, damit es keine Gefährdung für andere Tiere darstellt. Der Tierarzt wird aufgesucht, um den tatsächlichen gesundheitlichen Zustand abzuklären und ggf. kastrieren und impfen zu lassen.


Für einen Streuner könnte die Rechnung beim Einzug dann so aussehen: (Die Beträge können je nach Region stark variieren)

Kastration 150€

Chippen 25 €

Parasitenbehandlung 36 €

Schnelltest FIV/FelV 65 €

Schnelltest Giardien 45 €

Impfung Katzenseuche / Katzenschnupfen 70 €

Evtl. weitere kostenpflichtige Untersuchungen/Behandlungen bei Auffälligkeiten

Damit sind fast 400 € weg, bevor das Tier richtig eingezogen ist!


4. Wie man es richtig macht.


Überlegt euch, wieviel Zeit und Geld ihr tatsächlich und langfristig für den Tierschutz übrig habt. Wenn ihr ein Tier aufnehmen möchtet, dann plant zusätzliche Kosten für Hundeschule und Tierarzt ein!


In welchem Bereich möchtet ihr aktiv werden? Wildtiere, Haustiere, Öffentlichkeitsarbeit oder lieber still im Hintergrund? Möchtet ihr eure beruflichen Kompetenzen einbringen oder sucht ihr etwas, um vom Job abschalten zu können? In einem Tierschutzverein gibt es, wie in jedem Unternehmen, viele verschiedenen Aufgaben, die nebenbei erledigt werden müssen.


Möchtet ihr vorhandene Projekte unterstützen oder habt ihr eine eigene Projektidee? In jedem Fall lohnt sich ein Austauschen mit anderen, um andere Perspektiven zu betrachten und Unterstützer zu gewinnen.


Was wäre, wenn sich meine Rahmenbedingungen ändern? Muss bzw. kann ich dann einfach aufhören oder könnte ein anderer meine Arbeit weiterführen? Tiere können nicht verstehen, warum man keine Zeit mehr für sie hat oder warum eine Futterstelle nicht mehr versorgt wird. Außerdem reagieren manche Tiere sehr empfindlich auf Veränderungen - teilweise auch mit gesundheitlichen Problemen!


5. Fazit


Manche "alteingesessenen" Tierschützer werden diesen Beitrag belächeln oder sogar verspotten. Immerhin sind sie seit Jahrzehnten aktiv im Tierschutz tätig und wissen, wie es geht!

Aber wenn man über Jahrzehnte alles tut, was man kann, und sich einfach nichts ändert und es auch nicht besser wird, dann ist es an der Zeit etwas Neues zu versuchen.


Also seid aufgeschlossen für Veränderungen und Ideen von "Laien", denn Tierschutz beginnt bei der eigenen Entscheidung zum Wohl der Tiere!

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